Matteo Ringressi, Musiker, Organisator und Musik-Forscher

19 Sep

Matteo Ringressi, einer der beiden Bossmen von Ruben & Matt And The Truffle Valley Boys, ist ein sehr interessanter, vielseitiger Zeitgenosse. Neben seiner Karriere als Musiker in verschiedenen Bands ist er Organisator von Veranstaltungen, vor allem aber auch Forscher im Bereich von frühen Bluegrass-Aufnahmen. Matteo wohnt seit einiger Zeit mit seiner Lebenspartnerin am schönen Zürichsee.

Matteo Ringressi

Matteo, du bist in Italien aufgewachsen. Woher kommt deine Liebe zur Bluegrass-Musik?

Das ist eine sehr interessante Frage, mit einer eher ungewöhnlichen Antwort! Als ich 3 Jahre alt war, habe ich zufällig die Muppet Show im Fernsehen gesehen und Kermit the Frog spielte ein Banjo! Aus irgendeinem Grund war ich von diesem Sound begeistert… Obwohl ich keine Ahnung hatte, was das für ein Instrument war. Und meine Eltern auch nicht!
Doch dann baute mir mein Grossvater ein Spielzeug-Banjo aus einer Keksdose und dem Hals einer alten Ukulele. Ich war das glücklichste Kind in der Stadt, welches so tat, als ob es dieses Ding wirklich spielen könnte! Natürlich vergingen noch ein paar Jahre, bevor ich etwas über Bluegrass Musik erfuhr.

Im zarten Alter von etwa sieben Jahren hast du das erste Mal Musik von Bill Monroe gehört. Heute spielst du hauptsächlich Mandoline? Wurdest du also von Bill Monroe inspiriert, Mandoline zu spielen?

Damals hatte ich gerade mit dem Gitarre spielen begonnen. Abgesehen von meiner ersten Bill Monroe-Compilation, welche ich an einem Kiosk in Apulien gekauft hatte, konnte ich ein paar andere Bluegrass-CDs finden. Einschliesslich des JSP-Sets «Bluegrass Bonanza». Darauf standen viele von Monroes Nummern vor 1950, sogar ein paar mit seinem Bruder Charlie! Ich denke, dass diese Aufnahmen anfangs mehr als jede andere meine Aufmerksamkeit erregt haben.

Es gab auch einige Songs von Flatt & Scruggs – die meine Faszination für das Banjo befeuert haben -, frühe Tracks von den Stanley Brothers und auch einige von obskuren Bands wie den Armstrong Twins und den Bailey Brothers. Ich denke, dass die Baileys-Version des Carter Family-Songs I Will Never Marry mein Lieblingssong des Sets war! Mit ungefähr zwölf Jahren begann ich Banjo zu spielen. Die Mandoline kam ein paar Jahre später dazu. Ich denke, man kann sagen, dass Bill Monroe, Pee Wee Lambert und Charlie Bailey meine ersten Einflüsse für diese Musik-Stilrichtung waren.

Wenn ich dich heute spielen höre, erinnert mich das an Buzz Busby.

Das ist ein grosses Kompliment! Ich bin mir nicht sicher, ob ich es verdiene! Buzz ist heutzutage definitiv einer meiner drei Mandolinen-Helden. Die beiden anderen sind Everett Lilly und Red Rektor.

Meiner Meinung nach ist der Stil von Busby einzigartig in Sachen Kraft und Wildheit. Ich bin ein grosser Fan von exzessivem Tremolo, selbst bei schnellen Nummern! Nicht nur das, seine harmonischen Ideen wurden weitgehend von Geigenspielern der 1950er Jahre beeinflusst. Besonders von Scotty Stoneman und Benny Martin, die sehr geschickt interessante und manchmal harmonisch kühne Double Stops nutzten. Busby, aber auch Rektor, hatten zum Teil die gleichen Ideen in ihrem Mandolinenspiel. Everett Lilly, den ich kurz nach Monroe entdeckte, hatte den effektivsten «Maschinengewehr»-Stil und immer mit einem erstaunlichen Ton. Auch er steht definitiv ganz oben auf meiner Liste.

Deine Interessen liegen besonders bei der Bluegrass Musik der ersten Stunde. Mit deiner Band Ruben & Matt and The Truffle Valley Boys habt Ihr Euch einen Namen gemacht mit dem Musikstil der 1940er und 1950er Jahre. Wie kommen junge Italiener ausgerechnet auf Vintage Bluegrass?

Ruben Minuto, mein Partner in der Band, und ich arbeiteten seit Jahren zusammen. Zuerst in verschiedenen Formationen und dann als Duo. Wir wollten immer eine Band gründen, die ausschliesslich dem Bluegrass der 1940er und 50er Jahre verpflichtet war, aber wir konnten niemals die geeigneten Musiker dazu finden. Als ich dann erstmals von Germano, Denny und Emanuele hörte, konnte ich es kaum glauben!

Im Herbst 2013  wurde ich von Germano, unserem heutigen Banjospieler, kontaktiert. Er nahm eine fünfstündige Reise auf sich und besuchte mich kurz vor Weihachten. Und es machte sofort klick! Er liebte genau die gleiche Art von Musik wie ich und genoss die gleiche Art von Kultur und Ästhetik! Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als er mir erzählte, dass er zu Hause ein paar Freunde habe, die auch dieselbe Musik und den gleichen Stil spielen! Ruben und ich fuhren nach Isernia, um einen Auftritt in ihrem Dorf zu spielen. Bereits am nächsten Tag hatten wir uns entschieden, dass sie die Richtigen waren.

Ich glaube, dass die frühe Bluegrass Musik die jungen Leute von heute anspricht, weil sie damals auch von jungen Leuten gemacht wurde. Es war eine aufregende, kraftvolle, etwas wilde neue musikalische Form. Gespielt von Musikern im Alter zwischen zwanzig und dreissig Jahren. Die Musik war sehr lebendig und hatte eine «Seele».

Du spielst auch in anderen Bands?

Ich spiele heute in mehreren verschiedenen Projekten. Ich habe immer Country Musik aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und verwandte Musik geschätzt, und versuche immer, im Bereich der von mir geschätzten Jahrzehnte, der 1940er und 1950er Jahre, zu bleiben.

Seit 2016 spiele ich Geige mit der Rockin‘ Bonnie Western Bound Combo, einem Hillbilly und Western Swing Projekt, welche aus der Fusion der historischen italienischen Rockabilly Bands The Starliters und Rockin‘ Bonnie and the Rot Gut Shots entstanden ist. Ausserdem singe ich und spiele auch Geige in einer italienischen Hank Williams Tribute Show, die sporadisch auf Festivals in ganz Europa auftritt. Ich bin auch ziemlich aktiv als Sideman, hauptsächlich mit europäischen Hillbilly und Rockabilly Bands, wie den Clipjoint Cut-Ups, Shorty Tom und den Longshots sowie Dr. Feelgood und den Black Billies… Und ich spiele auch mit meiner Freundin Jean!

Nun, ich bewegte mich also immer innerhalb der Grenzen der Country Musik der 40er und 50erJahre, was meine Projekte betrifft. Ich habe aber auch mit Blues-Künstlern, Singer-Songwritern und sogar Pop Gruppen in Italien zusammengearbeitet!

Spielen deine Bandkollegen von den Truffle Valley Boys auch noch andere Stilrichtungen ausser Bluegrass?

Obwohl sie in der Vergangenheit verschiedene Erfahrungen in unterschiedlichen Sparten gemacht haben, widmen sich Germano und Denny nun ausschliesslich der Bluegrass und Hillbilly Musik. Emanuele, unser Bassist, beschäftigt sich sehr mit Jazz vor 1960, von Manouche über Swing bis Bebop.

Ruben & Matt and The Truffle Valley Boys

Schliesslich ist Ruben, sicherlich der erfahrenste und vielseitigste von uns, in vielen verschiedenen Funktionen aktiv. Er hat seine eigene Combo, die sich auf klassische Countrymusik und Americana konzentriert. Er arbeitet auch in mehreren Bluesbands als Bassist und Gitarrist und hat eine Unzahl von Projekten, die von Southern Rock über West Coast bis zu Alternativ Country reichen. Er ist wirklich ein vielseitiger Künstler!

Du und deine Partnerin, aber auch deine Bandmates von den Truffle Valley Boys veröffentlichen immer wieder Fotos mit sehr stylischer 1950er Kleidung. Lebt ihr das im privaten Leben aus?

Absolut. Wir kleiden uns in unserem Alltag genauso, wie man uns auf der Bühne sehen kann. Sogar unsere Wohnung ist mit Möbeln und Accessoires aus der Mitte des letzten Jahrhunderts eingerichtet. Ziemlich extrem könnte man sagen. Aber für uns ist es viel mehr als nur ein Verkleiden. Es ist wirklich ein Lebensstil.

Es ist eine Reminiszenz an eine Zeit, in der die Menschen das Bedürfnis verspürten, sich entsprechend präsentieren zu können. Respektvoll gegenüber anderen zu sein, angefangen von der Art, wie sie sich präsentierten. Das gilt für uns im Alltag und erst recht auf der Bühne. Um so mehr, weil Leute für ein Ticket bezahlen, um uns so auf der Bühne zu sehen. Wir möchten unseren Besuchern, indem wir klassische Kleidung tragen, unsere Aufwartung machen und so das «Retro-Erlebnis» einer musikalischen Reise in die Vergangenheit verstärken.

Du und die Mitglieder deiner Band leben sehr weit auseinander? Ist das nichtschwierig, sich als Band zu organisieren?

Wie Bluegrass-Sänger Red Allen zu sagen pflegte: «Wir proben immer gerne auf der Bühne!». Wir pflegen alle den gleichen Musikstil und haben einen gemeinsamen Hintergrund mit den Songs, welche wir alle kennen. Wir lieben es zu improvisieren, und manchmal versuchen wir einen Song, den wir noch nie zuvor gemacht haben… Das hält das Ganze frisch und ist interessant für die Band. Und hoffentlich auch für das Publikum!

Natürlich, wenn wir an einem neuen Album oder einer neuen Setlist arbeiten, treffen wir uns meistens in Mailand um Material zu erarbeiten. Aber wir möchten dabei gerne spontan bleiben!

Du bist in den entsprechenden Kreisen ein engagierter Sammler von Schallplatten und Forscher von frühen Aufnahmen der Bluegrass Musik.

Ich gebe mein Bestes, um seltene und einzigartige Bluegrass-Aufnahmen zu sammeln, zu dokumentieren und zu bewahren. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr intensiv damit beschäftigt. Dabei konzentriere ich mich auf 78er-Schallplatten, die zwischen 1946 und 1956 herausgegeben wurden, insbesondere auf kleine, regionale Labels. Viele von ihnen hatten Auflagen von lediglich 500 oder 1000Exemplaren, manche sogar nur 250 Stück! Ich habe das Gefühl, dass es eine enorme Anzahl historisch bedeutsamer Aufnahmen und verwandter Informationen gibt, die kurz davor sind, für immer verloren zu sein. Das versuche ich zu erhindern.

Wie gehst du konkret beim Erforschen dieser zum Teil schlecht dokumentierten Aufnahmen vor?

Die erste Generation von Bluegrass Musikern ist leider fast komplett verschwunden. Dabei gibt es immer noch viele Unstimmigkeiten in den verfügbaren Diskographien. Die konnten früher jeweils gelöst werden, indem man die Künstler befragte, als sie noch lebten.

Die genauesten Forschungsergebnisse erzielt man, in dem man von den originalen Dokumentationen ausgeht. Zum Beispiel von den Aufzeichnungen der Aufnahme arbeiten, den sogenannten Union Sheets, welche aber für die von mir erforschten Aufnahmen praktisch nicht vorhanden sind. Dann helfen natürlich Zeitungsausschnitte sowie Aufzeichnungen von verschiedenen musikalischen Veröffentlichungen und Aussagen aus erster Hand.

Ich habe in alten Ausgaben des Musikmagazins Billboard eine unschätzbare Quelle von Informationen gefunden. Dann habe ich die noch lebenden Künstler von damals oder ihre Familienmitglieder interviewt, Transkripte gelesen und Bänder von Interviews gehört, die andere Forscher vor mir mit Künstlern gemacht haben, welche in der Zwischenzeit verstorben sind.

Hast du vor, einmal ein Werk darüber herauszugeben?

Ja, in der Tat! Tatsächlich arbeite ich schon fast seit zehn Jahren an einer vollständigen Diskographie von 78er-Schallplatten kleiner Labels.

Das Fehlen eines zuverlässigen Leitfadens für diese faszinierenden Schallplatten hat Fans und Sammler schon lange frustriert, weil man oft nicht weiss, welche Musiker bei bestimmten Stücken mitgewirkt haben. Dazu kommen die fehlenden Angaben zu den Aufnahmeorten, den Aufnahmedaten und so weiter. Diese Angaben sind leider oftmals nicht erhalten.

Natürlich sind einige Referenzen erhalten geblieben, doch habe ich den Eindruck, dass man das nicht als vollwertige Angaben betrachten kann. Viele dieser Angaben basieren bloss auf Vermutungen und hinterlassen in der Dokumentation dieser frühen Bluegrass-Aufnahmen eine grosse Lücke. Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit zumindest einen Teil dieser Lücke schliessen kann.

Seit diesem Jahr erreiche ich mit meiner Diskographie einen Punkt, mit dessen Ergebnissen ich langsam zufrieden sein kann. Ich hoffe, dass ich meine Arbeit im nächsten Jahr veröffentlichen kann.

Ein anderes Projekt, an dem ich aktiv beteiligt bin, wird hoffentlich noch dieses Jahr veröffentlicht. Zusammen mit dem berühmten Produzenten und legendärem Musikexperten Richard Weize und dem ETSU-Professor und Grammy-prämierten Musikhistoriker Ted Olson erarbeiteten wir die Geschichte des kompletten Rich-R-Tone Box Sets des legendären Johnson City TN-Labels. Es werden alle noch bestehenden Seite neu überarbeitet!

Für Bluegrass-Fans sind dies die ersten Aufnahmen der Stanley Brothers, Wilma Lee and Stoney Cooper, der Bailey Brothers, Buster Pack, wie auch seltenes Material von Jim Eanes und den Church Brothers! Alles akribisch dokumentiert und nach dem Stand der Technik wiederhergestellt. Es wird auf Weizes neuem Label RWA erscheinen. Ich bin sicher, dass die SBMA-Freunde über diese und ähnliche Projekte auf dem Laufenden gehalten werden!

Matteo Ringressi

Du bist auch der Organisator des 1st Green Valley Round-Up in Ramsei gewesen. Was sind deine Pläne in dieser Beziehung?

Das Green Valley Round-Up war eine Idee, an der meine Freundin Jean und ich seit einiger Zeit gearbeitet haben. Wir überlegten, welche unserer europäischen Lieblingsbands wir an ein Festival einladen könnten und wer dann wirklich auch auftreten würde. Als wir das Line Up zusammen hatten, war es zu verlockend, diese Veranstaltung nicht zu organisieren…

Die erste Auflage des Festivals fand 2017 in Ramsei im Emmental statt. Wir hatten so bekannte Hillbilly- und Rockabilly-Künstler wie Charlie und Raina Thompson (UK/USA), Jan Svensson and his Clipjoint Cut-Ups (SWE), Glenn Doran (ENG) engagiert. Dann spielten natürlich wir selbst und auch die Bands, mit welchen ich regelmässig arbeite. Für uns war es eine sehr lohnende spirituelle Erfahrung. Wir hatten so viel Spass, dass alle, welche am Festival teilnahmen, das ebenfalls so wahrnahmen. Natürlich war das eine Menge Arbeit für uns. Jean und ich kümmerten uns um die gesamte Organisation, von der Buchung der Bands bis hin zu den Kontakten mit dem Veranstaltungsort, dem Sound und der gesamten Durchführung. Um ehrlich zu sein: wir waren alle komplett k.o. nachdem allesvorbei war. Aber wir waren sehr glücklich!

Gerade kürzlich haben wir über eine zweite Ausgabe gesprochen. Es gibt aber noch viele Details, die richtig organisiert werden müssen… Die Ideen sind definitiv da. So viel zum obligatorischen Cliffhanger… Stay tuned to These pages!

Matteo, vielen Dank fürdas Interview. Wir wünschen dir, euch allen, auch in Zukunft viel Erfolg und hoffen, von euch noch recht oft in unserem Land zu hören und zu sehen.

Interview Beat Heri / Fotos Jean S., Beat Heri



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